Schlank sein macht glücklich? Das sagt die Wissenschaft dazu

Jeden Tag versuchen unzählige Menschen, ihr Körpergewicht zu reduzieren. Bei den meisten davon stecken optische und/ oder gesundheitliche Beweggründe dahinter. Beides läuft aber auf ein gemeinsames Ziel hinaus: mehr Zufriedenheit. Ob das Motto „schlank sein macht glücklich“ aber gerechtfertigt ist, steht zur Debatte und ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Mit diesem Artikel möchte ich einen Teil der bisherigen Erkenntnisse vorstellen. Am Ende versuche ich, eine allgemeine Empfehlung abzuleiten. 

Inhaltsverzeichnis

Macht schlank sein nicht automatisch glücklich?

Meine eigenen Erfahrungen

Die größte Gewichtsreduktion, die ich persönlich hinter mich gebracht habe, bestand darin, ca. 10 kg Körpergewicht zu verlieren. In meinem Fall waren das etwa 11 % meines Startwertes.

Aber warum habe ich das überhaupt gemacht?

Die Antwort erscheint zunächst recht einfach: Ich habe mir davon versprochen, mich besser zu fühlen.

„Besser?“, fragst du dich vielleicht. Inwiefern?

Dir darauf eine Antwort zu geben fällt mir deutlich schwerer. Hier werden die Argumente, mit denen man eine solche Maßnahme vor sich selbst rechtfertigt, oft etwas schwammig.

Aber versuchen wir es…

Ich hatte definitiv keine gesundheitlichen Beweggründe dafür. Ich wog 91 kg bei 190 cm und hatte etwa einen Körperfettanteil im Bereich von 16-19 %. Damit war ich kein Kandidat für eine medizinisch angeratene Gewichtsreduktion. Diese Motivation scheidet also aus.

Es ging mir allein um Ästhetik.

Damit stellt sich aber immer noch die Frage nach dem Antrieb dahinter.

Wenn ich sage, dass ich mich besser fühlen wollte, dann habe ich damit „zufriedener“ gemeint. Zufriedener mit mir selbst. Mit meinem Körper und damit irgendwie vermutlich auch zufriedener mit meinem Leben insgesamt.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht mit der Problematik einer genauen Definition beschäftigen. Die meisten Leser*innen werden die Ausdrucksweisen „Zufriedenheit mit dem Leben“ und „Glück“  vermutlich austauschbar verwenden.

Demnach kann man also sagen, dass ich mir von der ganzen Geschichte versprochen habe, in irgendeiner Form glücklicher zu sein.

Das hat nicht wirklich funktioniert…

Wie viele Menschen wollen überhaupt schlanker sein?

Im Vorfeld meiner Gewichtsreduktion fand kein innerer Dialog mit mir selbst statt. Ich habe es einfach gemacht, weil ich einem Gefühl gefolgt bin, dass ich gar nicht erst versucht habe, in Worte zu fassen.

So geht es vermutlich vielen Menschen, wenn sie darüber nachdenken, mit einer Diät anzufangen.

Was wiederum sehr viele Menschen tun. Jeden Tag.

Eine Umfrage

In einer Telefonumfrage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. aus dem Jahr 2008, wurden die Teilnehmer Folgendes gefragt: „Haben Sie in den letzten zwei Jahren eine Diät mit dem Ziel einer Gewichtsreduktion gemacht?“.

Säulendiagramm Telefonumfrage zu Diät in den letzten 2 Jahren

82 % der Befragten gaben an, in den letzten zwei Jahren eine Diät gemacht zu haben.

Ziemlich viele, oder?

Die Befragten waren älter als 16 Jahre. Mehr Daten gehen aus der Quelle nicht hervor. Es besteht also die Möglichkeit, dass hier eine gewisse Verzerrung vorliegt. Hochgerechnet kann man aber wohl von einer verhältnismäßig hohen Zahl an Menschen ausgehen, die in den letzten zwei Jahren mindestens einmal auf Diät waren.

Die Motivation für eine solche Diät geht aus dieser Statistik aber nicht hervor.

Noch eine Umfrage

Werfen wir einen Blick auf eine andere Umfrage, die von der Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse in Auftrag gegeben wurde.

Hier sollten die Teilnehmer*innen angeben, inwiefern folgende Aussage zutraf: „Ich wäre wirklich froh, wenn ich etwas abnehmen könnte.“

Säulendiagramm Umfrage nach Wunsch zum Abnehmen

Hier zeigt sich ein stärker gemischtes Bild. Personen, die bei der Befragung mit 1-3 geantwortet haben, wären einer Diät gegenüber wohl nicht abgeneigt. Das würde bedeuten:

Knapp 40 % der Befragten wären mindestens ein bisschen froh, abnehmen zu können.

Vielleicht bräuchten Personen, die mit 4 geantwortet haben, für ein Umdenken aber auch nur den entsprechenden Auslöser. Diskriminierung, Social-Media-Einflüsse, Trennung vom Lebenspartner o.Ä.

Damit sprechen wir dann vielleicht schon von mehr als 50 %, die zumindest mit einer Diät liebäugeln würden. Wenn diese Werte auch nur halbwegs repräsentativ sind, verbergen sich dahinter verdammt viele Menschen.

Schlank gleich glücklich - warum sollte man das denken?

Werfen wir bei der letzten Umfrage einen Blick auf die Formulierung „Ich wäre wirklich froh, wenn ich etwas abnehmen könnte“. Ist darin nicht dieselbe Erwartungshaltung wiederzufinden, die ich eingangs an meinem eigenen Beispiel beschrieben habe?

Ob man nun „froh“, „zufrieden“ oder „glücklich“ als Adjektiv verwendet, ist meiner Meinung nach zweitrangig.

Und wenn wir nur Personen berücksichtigen, auf die diese Aussage voll und ganz zugetroffen hat?

Dann reden wir bei einer Hochrechnung auf die Gesamtbevölkerung immer noch von mehreren Millionen Menschen. 

Millionen von Menschen, gehen davon aus, dass sie glücklicher wären, wenn sie es schaffen könnten, abzunehmen.

Allerdings bleibt unklar, welchen Faktor die Befragten genau im Sinn hatten, der ihnen das „Mehr an Zufriedenheit“ bringen würde. Sind es gesundheitliche Verbesserungen, die man sich erwartet? Höhere Attraktivität für Geschlechtspartner? Weniger Diskriminierung? Eine Mischung aus diesen Faktoren?

Und besteht denn überhaupt berechtigter Grund zu der Annahme, dass man sich durch eine Gewichtsreduktion glücklicher fühlen wird?

Schlank sein macht glücklich? Schauen wir uns an, was die Wissenschaft dazu sagt.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Es gibt bisher verhältnismäßig wenige Untersuchungen, die das Ziel hatten, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei genauerer Betrachtung gestaltet sich das auch schwierig. Es gibt zahlreiche Faktoren, die dabei einen Einfluss haben könnten.

Macht es z.B. einen Unterschied, ob man Normal- oder Übergewicht hat? Oder spielt das Geschlecht eine Rolle? Das Alter? Ethnische Herkunft oder sozioökonomischer Status? Die Größe des Gewichtsverlustes? Andere Faktoren?

Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse, die ich hier präsentiere mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Aber ich denke, dass man einen Trend erkennen kann.

Studie von Forman-Hoffman et al. (2007): Macht Abnehmen Männer depressiv?

Zumindest lassen die Ergebnisse dieser Untersuchung eine solche Schlussfolgerung in einem gewissen Rahmen zu.

Was wurde gemacht?

In einem Zeitraum von 10 Jahren wurden 9428 Menschen aus den USA im Alter von 51-61 alle zwei Jahre interviewt. Neben Größe und Gewicht wurde außerdem nach körperlichen Beschwerden bzw. Einschränkungen gefragt. Zusätzlich wurde eine Befragung nach der allgemeinen Depressionsskala durchgeführt.

Was kam dabei raus?

Tabelle Anstieg depressiver Symptome nach Gewichtsverlust

Wenn ein Mann mindestens 5 % seines Gewichtes zwischen zwei Interview-Zeitpunkten abgenommen hatte, dann hat das die Wahrscheinlichkeit für einen Anstieg von depressiven Symptomen signifikant erhöht.

Zumindest für eines der verwendeten mathematischen Modelle…

Bei Frauen konnte dies ebenfalls beobachtet werden. Jedoch war der Effekt hier statistisch nicht signifikant.

Die Studie hat aber noch einen anderen interessanten Hinweis erbracht.

Es wurde nämlich auch untersucht, ob nicht auch eine Beeinflussung in die andere Richtung stattfindet. Sprich: ob ein Anstieg depressiver Symptome zu einer Gewichtszunahme führt? Dies war in einem der verwendeten mathematischen Modelle der Fall. Für Männer wie für Frauen.

Aber Vorsicht! Hier wurden lediglich Zusammenhänge gezeigt, nicht aber Ursachen nachgewiesen.

Es gibt drei Möglichkeiten, für ein Ursache-Wirkungs-Gefüge zu den hier untersuchten Fragestellungen:

Bis hier sieht es aber nicht so aus als würde schlank sein glücklich machen. Schauen wir uns eine weitere Studie an, um mehr Klarheit zu schaffen.

Studie von Koster et al. (2010): Macht Depression dick?

Was wurde gemacht?

Auch hier wurde untersucht, ob eine gegenseitige Beeinflussung von Gewichtsabnahme und Gemütszustand möglich ist.

2406 Teilnehmer aus den USA im Alter von 70-79 Jahren wurden innerhalb von drei Jahren zweimal zu unterschiedlichen Faktoren befragt.

Ebenfalls wurde berücksichtigt, ob eine Gewichtsreduktion von mindestens 5 % auftrat.

Zusätzlich wurde aber bei der Eingangsbefragung auch erhoben, ob eine Intention für eine Gewichtsreduktion vorlag. Diese Variable wurde dann neben anderen Faktoren (Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft, Alkoholkonsum u.Ä.) mit in die mathematische Auswertung einbezogen.

Dabei handelt es sich um eine wichtige zusätzliche Bedingung. Ein ungewollter Gewichtsverlust tritt vermutlich nicht „einfach so“ auf. Er hatte in der Regel eine Ursache, die mit großer Wahrscheinlichkeit kein positives Ereignis war. Solche Ursachen könnten das Potenzial bergen, depressive Symptome zu fördern.

Anders als bei Forman-Hoffmann et al. wurde hier nicht gemessen, ob sich der Punktewert der allgemeinen Depressionsskala erhöht hat. Stattdessen wurde gefragt, ob ein Wert von 16 erreicht bzw. überschritten wurde. Wenn ja, lag ein hohes Risiko für eine klinische Depression vor.

Ein Wert von 16 wird in Studien gängiger Weise als Schwelle zur Depression verwendet. Die Autoren sprechen hierbei von „depressed mood“. Im Deutschen kommt das wohl der Bezeichnung „depressive Verstimmung“ gleich. Daher werde ich im Folgenden diesen Begriff und nicht den der „ausgewachsenen“ Depression verwenden.

Was kam dabei raus?

Die Ergebnisse decken sich im Grunde mit der Studie von Forman-Hoffmann et al. Allerdings konnte keine Einschränkung bezüglich des Geschlechts beobachtet werden.

Eine Gewichtsreduktion innerhalb von drei Jahren hat die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer depressiven Verstimmung erhöht.

Aber auch hier war das Ergebnis nur bei einem der verwendeten mathematischen Modelle signifikant.

Damit aber nicht genug. Wie erwähnt, haben die Autoren auch versucht zu überprüfen, inwiefern eine Beeinflussung in die andere Richtung auftritt.

Ein höheres Level an depressiven Symptomen bei der Eingangsbefragung hat die Wahrscheinlichkeit für eine Gewichtszunahme innerhalb von drei Jahren signifikant erhöht.

Damit könnte man auch diese Studie folgendermaßen interpretieren: Eine gegenseitige Beeinflussung von Gewichtsreduktion und Gemütszustand ist möglich.

Ein gefährlicher Kreislauf

Der bekannte Jo-Jo-Effekt könnte durch die Ergebnisse eine psychische Erklärungsebene erhalten.

Die gängige Erklärung für diesen Effekt findet sich in den Stoffwechselanpassungen. Diese sind durch eine Kalorieneinschränkung unvermeidbar.

Zuerst schränkst du deine Kalorienzufuhr ein. Daraufhin schränkt dein Körper Stoffwechselvorgänge ein, um Energie zu sparen. Gleichzeitig fährt er Appetit- und Hunger stimulierende Prozesse hoch. Irgendwann hältst du diesen Zustand nicht mehr aus, knickst ein und beginnst wieder, Gewicht zuzulegen.

Die Studien legen nahe, dass eine Gewichtsreduktion depressive Zustände fördern kann und dass depressive Symptome wiederum eine Gewichtszunahme stimulieren können.

Daraus könnte sich ein unangenehmer Kreislauf ergeben:

Kreislauf aus Diät und Depression - schlank sein macht vermutlich nicht glücklich

Eine solche Annahme würde aber nur gelten, wenn sich tatsächlich beide Faktoren gegenseitig stimulieren. Anders gesagt, wenn sie nicht unabhängig voneinander durch eine bisher ungeklärte dritte Ursache angeregt werden.

Jackson et al. (2014): Gewichtsverlust - gut fürs Herz, schlecht fürs Gemüt?

Was wurde gemacht?

Die Untersuchung von Jackson et al. beruht auf Daten von 1979 Männern und Frauen im Alter von mindestens 50 Jahren.

Die Informationen wurden zwischen 1998 und 2009 erhoben. Wie in der Studie von Koster et al. war hier die Änderung des Körpergewichts von Interesse. Außerdem wurden das Auftreten einer depressiven Verstimmung und die Intention für eine Gewichtsreduktion untersucht.

Besonderheiten im Vergleich zu den beiden anderen Studien

Was kam dabei raus?

Säulendiagramm depressive Verstimmung nach Gewichtsverlust

Hier begegnet uns eine bekannte Beobachtung:

Eine Gewichtsreduktion kann die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten depressiver Symptome erhöhen.

Dabei fällt eine Sache auf: Der prozentuale Anteil von Menschen mit einer depressiven Verstimmung hat sich in allen drei Kategorien erhöht. Also sowohl für Menschen, die abgenommen haben, als auch für diejenigen, die ihr Gewicht gehalten oder zugenommen haben.

Unter denjenigen, die mindestens 5 % Gewicht verloren hatten (Säulen ganz links/ “Weight loss“), war das Auftreten einer depressiven Verstimmung aber um knapp 80 % höher als in der Gruppe, die keine Gewichtsänderung durchlebt hatte.

Wie sieht es mit der allgemeinen Lebenszufriedenheit aus?

Säulendiagramm niedrigere Zufriedenheit nach Gewichtsverlust

Der Anteil derer, die bei einer der Folgebefragungen ein niedriges Wohlbefinden zeigten, war ebenfalls bei allen drei Kategorien erhöht. Aber auch hier war der Anstieg unter denen, die abgenommen hatten, am größten. Allerdings war dieser Unterschied nicht statistisch signifikant.

Die Autoren haben die Punktewerte der Satisfaction With Life Scale (SWLS) zusätzlich noch einer kontinuierlichen Analyse unterzogen.

Diagramm - Zufriedenheit nimmt nach Gewichtsverlust ab - schlank sein macht also eher nicht glücklich

Demzufolge nahm die Lebenszufriedenheit der Teilnehmer im Laufe der Zeit generell ab. Aber:

Die größte Abnahme der Lebenszufriedenheit war unter denen zu verzeichnen, die mindestens 5 % Gewicht verloren hatten.

Die Autoren sprechen bei den Ergebnissen von „borderline signifiance“. Im Klartext heißt das, dass keine statistische Signifikanz vorlag. Die Werte „kratzen“ aber an der entsprechenden Grenze (p < 0,05). Inwiefern man das als Trend auffasst, steht natürlich zur Debatte…

Körperliche vs. psychische Gesundheit

Nun noch ein wichtiger Umstand: Die klassischen Kenngrößen für ein gesundes Herz-Kreislauf-System (Triglyceride und Blutdruck) haben sich in der Gruppe „Gewichtsverlust“ signifikant verbessert.

Säulendiagramm Abnahme Bluthochdruck nach Gewichtsverlust
Säulendiagramm Abnahme von Triglyceridwerten nach Gewichtsverlust
Kurz gesagt: Der Gesundheitszustand hat sich durch eine Gewichtsreduktion für einen Großteil der Menschen verbessert. Vor dem Hintergrund der hier gesammelten Ergebnisse könnte man nun folgende Frage stellen:

Erkauft man sich den verbesserten körperlichen Gesundheitszustand nach einer Diät durch eine Verschlechterung des mentalen Gesundheitszustands?

Sollte dieser Zusammenhang bestehen, würde das die allgemeine Motivation, die wohl hinter den meisten Diäten steckt – nämlich zufriedener bzw. glücklicher zu sein – ad Absurdum führen.

Wie erwähnt, waren die Teilnehmer dieser Studie nach BMI-Standards übergewichtig. Man könnte also vermuten, dass sie von einer Gewichtsabnahme psychisch stärker profitieren würden.

Damit sollte das subjektive Wohlbefinden eigentlich steigen. Schlank sein würde demnach glücklich machen. Die Ergebnisse stützen diese Annahme aber nicht.

Jede Studie dieser Form ist nur eingeschränkt geeignet, die eigentliche Frage zu beantworten. Bevor man also eine abschließende Aussage trifft, sollte man sich diese Limitierungen klarmachen.

Einschränkungen der Studien

Zunächst einmal waren die Teilnehmer alle verhältnismäßig alt (mindestens 50 Jahre). Außerdem waren die meisten von ihnen weiß. Inwiefern sich die Ergebnisse auf eine jüngere Population und andere Ethnien übertragen lassen, bleibt offen.

In den Studien von Forman-Hoffman et al. und Koster et al. wurden wichtige Lebensereignisse ignoriert. In der Studie von Jackson et al. beschränkte sich deren Berücksichtigung auf nur drei Typen von Ereignissen.

Die Schwelle für niedriges Wohlbefinden nach der SWLS ist willkürlich. Sie beruht nicht auf einer wissenschaftlich validierten Unterscheidung (weil es dazu einfach keine Untersuchungen gibt).

Die allgemeine Depressionsskala nutzt auch einen willkürlichen Schwellenwert. Eine Aussage auf dieser Grundlage ist also ebenfalls mit Vorsicht zu genießen. Auch, wenn hierfür ein gewisser wissenschaftlicher Konsens besteht.

Es wurden jeweils nur Zusammenhänge, nicht aber Ursachen untersucht. Zwar wurde stets dafür gesorgt, bestimmte Faktoren, wie z.B. gesundheitliche Einschränkungen oder Lebensereignisse (Jackson et al.) zu kontrollieren. Das genaue Gefüge aus Ursache und Wirkung bleibt aber weiterhin undeutlich.

Mögliche Erklärungen für die Ergebnisse

Abnehmen kann eine Reihe von unangenehmen Konsequenzen haben. Und was viele Menschen nicht wissen oder gekonnt ignorieren: Diese Konsequenzen betreffen nicht nur die Zeit der während der Diät, sondern auch den Zustand danach.

Durch das Ausschalten des Störfaktors „zu viel Körperfett“ holt man sich nicht selten neue Störfaktoren ins Haus. Diese können wiederum einen größeren Einfluss auf das allgemeine Wohlbefinden haben als das „falsche“ Gewicht.

Nicht jeder Mensch reagiert gleich auf eine Gewichtsreduktion. Hier ein paar Beispiele von Dingen, die auf einen zukommen könnten: 

Körperliche Folgen

Soziale Folgen

Psychische Folgen

All diese Faktoren könnten dazu beitragen, dass eine Gewichtsreduktion unter Umständen das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich zum Ziel hatte.

Es wären Anhaltspunkte, um die besprochenen Ergebnisse zu erklären. Vorausgesetzt, es liegt tatsächlich ein kausaler Zusammenhang vor. Vermutlich ist die Sache aber deutlich komplexer.

Außerdem könnte noch ein weiteres Phänomen zum Tragen kommen.

Die hedonistische Anpassung

Hinter der hedonistischen Anpassung verbirgt sich das Phänomen, dass der „Glückszustand“, den wir z.B. nach Erreichen eines Ziels erfahren, über die Zeit hinweg abnimmt bzw. verschwindet.

In den Studien, die ich hier vorgestellt habe, wurde dieser Effekt nicht wirklich deutlich. Man hat durchweg nur eine Abnahme von Zufriedenheit, aber zu keinem Zeitpunkt eine Zunahme gemessen.

Dies liegt vermutlich daran, dass es sich beim gesteigerten Glücksempfinden nach Erreichen des Ziels eben um ein sehr flüchtiges Gefühl handelt. Die Befragungen der Teilnehmer*innen haben aber im Abstand von zwei bis drei Jahren stattgefunden.

Nehmen wir z.B. an, eine Teilnehmerin hat zwischen zwei Befragungsterminen erfolgreich ihr Gewicht reduziert. Dann befand sie sich vermutlich in einem „emotionalen Hoch“. Je nachdem, wann dieser Zeitpunkt war, so lagen zwischen der Zielumsetzung und dem nächsten Interview aber viele Monate. Hier hätte die hedonistische Anpassung genug Zeit zum Wirken gehabt.

Was man dann nur noch beobachten konnte, war die Tatsache, dass das Zufriedenheitsgefühl mindestens wieder bis zu seinem Ausgangswert abgenommen hat. Vielleicht hat es diesen sogar unterschritten.

Fazit

Was uns die Ergebnisse verraten

Wie sieht es denn jetzt aus? Macht schlank sein glücklich?

Aus den genannten Studien eine eindeutige Aussage abzuleiten, wäre meiner Meinung nach etwas forsch. Dafür liegen mir persönlich zu viele Einschränkungen vor.

Wenn ich aber anekdotische Erkenntnisse und allgemeine Befunde aus der Glücksforschung mit in die Überlegungen einbeziehe, dann fällt es mir leicht, zumindest folgende Aussage zu machen:

Die Annahme, dass eine Gewichtsreduktion deine Lebenszufriedenheit steigern wird, steht auf einem sehr unsicheren Fundament.

Bedeutet das wiederum, dass das Ziel abzunehmen einfach keinen Sinn ergibt? Für niemanden?

Meiner Meinung nach kann man diese Frage nicht beantworten – dafür spielen zu viele individuelle Faktoren eine Rolle. Abgesehen davon bin ich kein Freund von dogmatischen Aussagen.

Ich denke aber, dass eine „Diät im Vakuum“ für die meisten Menschen keine gute Idee ist. Ich meine damit, blind dem Ziel eines schöneren Körpers hinterherzurennen. Ohne sich damit zu beschäftigen, wie man in anderen Lebensbereichen die Häufigkeit an positiven Erfahrungen erhöhen kann.

Diese Herangehensweise wird mindestens dazu führen, dass der erhoffte, positive Effekt kleiner ausfällt als man dachte. Außerdem könnte es sein, dass er schneller verpufft ist als man „Kohlsuppendiät“ sagen kann.

Aber im schlimmsten Fall hast du dich damit in eine depressive Verstimmung manövriert und es geht dir schlechter als davor.

Was du für dich mitnehmen solltest

Zum Abschluss stelle dir doch mal bitte folgende Frage: Was genau erhoffst du dir davon, abzunehmen?

Nachdem du dir selbst eine Antwort gegeben hast, hak nochmal nach! Womit würdest du deine Antwort begründen? Und dann hak bei dieser Antwort nochmal nach! Danach nochmal! Ja, vielleicht auch nochmal…

Die Chancen stehen gut, dass du dir damit selbst ein Bein stellen wirst.

Vielleicht erkennst du dabei, dass du eigentlich nach etwas anderem suchst als dir vordergründig bewusst war.

Wenn dem so ist, hast du vielleicht etwas gefunden, das deine Aufmerksamkeit viel dringender benötigt und ein viel größeres Potenzial birgt, dich zufriedener zu machen. Schlank sein macht dich vermutlich nicht glücklich.

  • Titelbild: br_ruy via canva.vom
  • Abb. 1: In Anlehnung an Telefonumfrage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V., 2008, online zitiert nach de.statisa.com: Haben Sie in den vergangenen 2 Jahren eine Diät zur Gewichtsabnahme gemacht?, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1658/umfrage/diaet-zur-gewichtsabnahme-in-den-letzten-2-jahren, (21.01.2021, 13:20 Uhr)
  • Abb. 2: In Anlehnung an VuMA Touchpoints 2020, Tab. H85, S. 7
  • Abb. 3: Eigene Darstellung
  • Abb. 4-8: Jackson et al., 2014, Abb. 1, CC BY 4.0
  • Tab. 1: In Anlehnung an Forman-Hoffman et al., 2007, Tab. 6
  • Telefonumfrage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V., 2008, online zitiert nach: de.statisa.com: Haben Sie in den vergangenen 2 Jahren eine Diät zur Gewichtsabnahme gemacht?, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1658/umfrage/diaet-zur-gewichtsabnahme-in-den-letzten-2-jahren, (21.01.2021, 13:20 Uhr)
  • Basisinformationen für fundierte Mediaentscheidungen VuMA Touchpoints, hrsg. von: Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse, 2020, Tab. H85, S. 7
  • Valerie L. Forman-Hoffman, Jon W. Yankey, Stephen L. Hillis, Robert B. Wallace, Fredric D. Wolinsky, Weight and Depressive Symptoms in Older Adults: Direction of Influence?, The Journals of Gerontology: Series B, Volume 62, Issue 1, January 2007, Pages S43–S51, https://doi.org/10.1093/geronb/62.1.S43
  • Koster, Annemarie et al. “Late-life depressed mood and weight change contribute to the risk of each other.” The American journal of geriatric psychiatry : official journal of the American Association for Geriatric Psychiatry vol. 18,3 (2010): 236-44. doi:10.1097/JGP.0b013e3181c65837
  • Jackson SE, Steptoe A, Beeken RJ, Kivimaki M, Wardle J (2014) Psychological Changes following Weight Loss in Overweight and Obese Adults: A Prospective Cohort Study. PLOS ONE 9(8): e104552. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0104552
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